Frühlingserwachen

Erwachen.

Er erwachte früh am Morgen. Die Sonne stahl sich durch die Nebel umwabenden, stark in der Erde verankerten Baumstämme der Tannen, welche dicht an seinem Haus wuchsen und es von der Straße abschirmten.

Er blinzelte und ließ das Licht auf sein Gesicht scheinen, zog tief die frische Morgenluft ein, die sich durch das geöffnete Fenster mogelte.

Noch einmal schloss er die Augen und ließ den Morgen auf sich wirken. Das leise zwitschern der Vögel, das knistern des Grases und das zirpen der Grillen. Alles schien perfekt, die Welt war im Einklang mit ihm.

Er fühlte sich als könnte er Bäume ausreißen, die Wälder neu formen, gar die Welt verändern. Tief in seinem Inneren wusste er plötzlich, dass er bereit war, bereit für Neues, bereit dafür zu Leben.

Förmlich aus dem Bett springend, zog er seinen Morgenrock über und rannte auf die Veranda. Freiheit. Dieses Gefühl umgab ihn. Sein Herz klopfte wild gegen seine Brust. Er wusste er konnte nun alles erreichen, er hatte nichts mehr zu verlieren.

 

Nachdem er sich angezogen hatte, begann er seine neu gewonnene Energie zu nutzen. Er malte, musizierte, ging spazieren durch den Wald. Er hatte keine Sorgen, er war frei. Frei von all der Grübelei. Er mochte nicht mehr darüber nachdenken, was morgen war, wie seine Finanzlage war, wie er es schaffen sollte den nächsten Tag zu überleben.

Freiheit. Das war sein neues Motto. Leben und frei sein, das war nun alles was zählte, denn endlich hatte er Zeit für sich. Endlich gab es IHN und sonst niemanden. Jahrelang war er für alle da, machte sich ein schlechtes Gewissen, machte sich Sorgen um alle anderen, Sorgen um das weiter kommen. Endlich war die Zeit da, die Zeit des Egoismus. Er war frei und konnte alles machen, worauf er immer Lust hatte.

Er wollte es, er wollte es so sehr, dass es fast schon wieder wehtat.

 

Nachdem er einige Tage einfach so ins nichts lebte, es einfach darauf ankommen ließ, was als nächstes passierte, begann er doch wieder zu planen. An die Zukunft wollte er denken und vor allem, was der nächste Schritt war. Er wollte weiter kommen und vor allem wollte er sich sicher sein, was er möchte, herausfinden wer er wirklich war.

 

Schlafen.

Er saß im Pyjama, eingelullt in seinen Morgenrock, im Schaukelstuhl auf der Veranda. Er sah hinter den Tannen langsam die Sonne untergehen. Nach all den Tagen und Wochen des überdrehten Lebens, des Planens, war sie wieder da. Die Ruhelosigkeit, die Angst, die Panik. Die Vernunft klopfte an seinen Kopf und schrie ihn laut an. Er wollte nicht hören, aber er schien doch zu müssen. Er saß da und bewegte sich nicht auch nicht als er fröstelte. Sein Atem zog kleine Rauchschwaden in die Luft und umringten ihn. Sie war wieder da, die Stimme in seinem Kopf, die seine Traurigkeit entflammte.

Wieder schien er am gleichen Punkt angekommen zu sein, wieder schien er in der Sackgasse zu stecken. Fragen schossen ihm wieder durch den Kopf, die Fragen, ob seine Entscheidung falsch war, ob sein Handeln richtig war.

Die Zweifel schnürten ihm die Kehle zu, die Angst kroch ihm in die Glieder. Was wenn er stürzte? Wer war da um ihn zu fangen?

Was wenn er am Ende erneut den falschen Weg gewählt hatte?

Langsam stand er auf, wickelte den Morgenrock fest um seinen dürren Leib und schlürfte nach oben in sein Schlafzimmer. Dort schlug er die Überdecke zur Seite und kroch ins Bett.

Schlafen. Er wollte schlafen, den Geist ruhen lassen. Er wollte den Kopf frei haben, frei von all den Gedanken, die ihn jahrelang schon quälten.

Er wollte schlafen, um all dem zu entfliehen, vor dem er Angst hatte.

 

 

 

 

© Gina Armstark (19. september 2013)

 

 

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