Mr. Nobody

Bernie Lengström stand morgens vor dem Spiegel. Er zupfte seinen Pullunder zurecht, straffte den Hemdkragen und setzte sich seine Brille auf, die mit dem schwarzen Gestell.

„Heute wird ein guter Tag.“, sagte er zu sich selbst. „Ein guter Tag.“

Er hatte die ganze Nacht an dem Projekt gesessen, es bis zur Vollendung perfektioniert. Ja der Chef würde Augen machen!

Bernie arbeitete bereits 40 Jahre in der Firma, er war praktisch Mitglied des eingeschweißten Teams und wartete schon auf eine Beförderung.

Diesmal würde er sie kriegen und dann würde sich alles ändern. Vielleicht fand er dann endlich auch eine Frau, die ihn liebte.

Schon in Kindertagen war Bernie ein Niemand. Keiner wollte mit ihm spielen, er wurde geschupst aber meistens nicht einmal beachtet. Heulend kam er von der Schule und wollte sich in die Arme von Muttern stürzen, Trost finden, sein kleines gebrochenes Herz heilen. Doch Mutter war beschäftigt. „Jetzt nicht Bernhard.“, sagte sie immer zu oder „Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin, Bernhard?“

Auch bei Vater war kein Trost zu holen, so war der bei der Arbeit oder las die Tageszeitung. Trotz allem blieben Bernies Versuche nicht selten, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn er etwas Spannendes zu erzählen hatte, sollte er während des kleinen Waldspazierganges eine Entdeckung gemacht haben, so ließ er seine Eltern daran Teil haben. Er erzählte und schwärmte, riss die Augen auf vor Begeisterung, Gestikulierte und war recht im Redefluss. Doch nichts geschah, Papa las Zeitung, Mutter strickte, aß oder war in sich gekehrt.

Manchmal legte Vater die Zeitung beiseite, überlegte als wolle er meinen: „Habe da jemand gesprochen?“

So waren Bernies trostlose Kindertage und auch im erwachsenen Alter sollte es ihm nicht anders ergehen. Bernie wurde geschubst, angerempelt, zur Seite geschoben wo immer es sich eine Gelegenheit bot.

Wenn er sprach, wurde er nicht beachtet, ja oft sogar wurde er nicht einmal gesehen. Erst kürzlich überquerte er die Straße, so kam es, dass sich ein Auto näherte und der Fahrer nicht mal daran dachte zu bremsen. Schnell hüpfte Bernie auf die Seite, direkt in eine Pfütze.

Von oben bis unten durchnässt ging er seines Weges, grüßte seine Nachbarn, die niemals zurückgrüßten, schaute in den Briefkasten, der außer Rechnungen niemals Post für ihn hatte und so lebte Bernie vor sich hin.

Aber heute, heute wird alles anders.

Er betrat die Firma, nickte der Empfangsdame freundlich zu, die ihn ignorierte. „Das macht gar nichts.“, dachte er. Sie konnte ihm nicht die gute Laune nehmen.

Bernie eilte zum Aufzug, dessen Türen sich schon schlossen. „Bitte warten sie!“, rief er, doch niemand hielt die Türen auf.

„Dann nehme ich eben die Treppe.“, meinte er und machte sich an den Aufstieg.

Oben auf dem Gang, traf er seinen Chef, der mit einem dampfenden Kaffee an ihm vorbeieilte.

„Chef ich hab die …. „

Der Chef ging einfach weiter, ohne Bernie zu beachten.

Und so blieb es, für den Rest des Tages.

Das war es also, sein Privileg. Das Privileg, ein Niemand zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

© Gina (08. april 2011

 


 

 

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