Die Rastlosigkeit der Heimatlosen

Er stand vor dem großen Spiegel in Mutters Schlafzimmer und knöpfte sein weißes Sonntagshemd zu. Vier Tage ist es her, seit der Brief eingetroffen war. Vier Tage.

Er nahm sein Jackett vom Bett, dass sich seine Eltern seit Jahren teilten. Eine Ehe mit Höhen und Tiefen und doch, lange andauernd. Er rückte den Kragen zurecht und betrachtete sein Spiegelbild. Vier Tage und das Leben ist anders. Mutter war zusammengebrochen, brauchte einen Stuhl, verfiel im Tränenmeer. „Mein Junge, wieso? Wieso mein Junge?“, fragte sie immer wieder. Doch er konnte ihr keine Antwort geben. Niemand konnte das. Er schlug den Kragen auf um sich die Krawatte umzubinden. Warum man sich so fein macht, verstand er nicht. Es gab keinen Grund zum feiern, kein Grund zum Lachen, sondern zum weinen. Auch ihn schmerzte die Nachricht. Es war sein Bruder, der Held. Immer hatte er ihn beschützt, ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Doch nun war er fort, für immer.

Er rückte die Krawatte zurecht. „Ich sehe ihm nicht mal ähnlich“, dachte er. Und doch war es sein Bruder; der der unter Depressionen litt, nachts nicht schlafen konnte, weil ihn Alpträume quälten. Er kannte ihn nicht wieder, als er wieder kam, von fern. Angst, er hatte Angst und schreckliche Panik. Sein Bruder, der niemals Furcht zeigte, der niemals Angst hatte. Sein selbstbewusster Bruder, der jedes Mädel locker anreden konnte, mit jedem gut Freund war. Er war nicht mehr er selbst, als er zurückkam. Und nun … kommt er nicht wieder.

Er knüpfte die Manschetten ans Jackett. Er sollte gut aussehen, den besten Anzug sollte er tragen. Im Grunde war es seinem Bruder egal, was er trug. Denn wichtig war nur, dass er an ihn dachte.

 

 

 

 

 

© Gina (09. september 2010)

Dies sei allen gewidmet, die im Krieg ihr Leben ließen …

… und auch ihren Angehörigen.

 

 

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