Die Saat die niemals fruchtet

Erwin Scheffler kam abends nach Hause. Erschöpft und schwer atmend, ließ er sich auf dem Holzstuhl nieder, senkte den Kopf und rieb sich die Stirn. "30 Jahre", dachte er. "30 Jahre hatte er für die Firma gearbeitet, sich aufgeopfert und gekämpft." Man hatte ihm die Stelle des stellvertretenden Firmenmanagers angeboten. In Konkurrenz stand ihm nur ein Mitarbeiter im Wege. Jens Hofmeister. Ha, der konnte ihm niemals das Wasser reichen. Hofmeister war jung, gerade 32 geworden und arbeitete erst 2 Jahre in der Firma. Was sind schon 2 Jahre im Vergleich zu 30 jähriger, treuer und loyaler Arbeit? Doch Jens hatte die Stelle bekommen. "Warum er? Warum nicht ich?", dachte Erwin. Der Kopf wurde ihm schwer. Er hatte immer gekämpft. Gekämpft um die Liebe seiner Frau Jutta, die eigentlich jemand anderem versprochen war, doch er konnte ihre Liebe für sich gewinnen. Er hatte gekämpft, als sein Erstgeborenes schwer krank war und doch ist es seiner Krankheit erlegen. Gekämpft um ein gutes Studium zu machen, hatte sich den Weg erkämpft, eines machen zu dürfen. Um eine Ausbildung hatte er gekämpft, hatte alles unternommen in den schweren Zeiten, wo Arbeit sehr dünn gesät war. Auch um die Stelle bei seiner jetzigen Arbeit hatte er gekämpft, wollte herausstechen, der Beste unter all den Bewerbern sein. Hart hatte er geschuftet, um sich einen anerkennenden Platz zu sichern. Jahrelang hatte er gehofft, die Stelle zu bekommen, auf die er so lange hingearbeitet hatte.
Er atmete schwer, war erschöpft und müde.
"Was ist mit dir Vati?", fragte sein Söhnchen und tätschelte ihm das Knie. "Warum siehst du so traurig aus?"
"Ich bin müde, mein Schatz, müde um noch mehr zu kämpfen."
Eine Woche darauf, diagnostizierte der Arzt ein schweres Leiden bei Erwin. Der Krebs sollte ihn dahinraffen. "Das schaffen wir, Liebling, wir haben es doch bisher auch gekonnt.", sprach Jutta ihm Mut zu. Doch wieder sagte Erwin nur: "Ich bin müde, Jutta, zu müde um noch mehr zu kämpfen."
Einen Monat später konnte er nicht mehr gehen, lag im Bett und starrte an die Decke. "Ich bin müde, so müde.", sagte er immer wieder, bis er schließlich starb.

 

 

 

 

 

© Gina (27. april 2010)

 

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