Das Ende der Straße

06:00 Uhr, das laute Klingeln des Weckers, riss mich aus meinem erholsamen Schlaf. Ich reckte und streckte meine steifen Glieder, gähnte herzhaft und schlug die Bettdecke zurück. Anschließend setzte ich beide Beine auf den Boden und stand schließlich auf. Nach dem Frühstück zog ich mich an, putzte mir die Zähne und machte mich schließlich auf den Weg. Fröhlich pfiff ich vor mich hin und machte kleine Luftsprünge, da ich voll ausgelassener Stimmung war. 

Nach einiger Zeit kam ich wie jeden Morgen auch an Herrn Binders Obst- und Gemüsehandel vorbei. Herr Binder war gerade dabei, ein paar Kisten zu stapeln, hievte eine nach der anderen aufeinander und stellte sie zurecht.

„Guten Morgen Herr Binder, wie geht es ihnen heute.“, grüßte ich freundlich.

„Oh, einen wunderschönen guten Morgen!“, antwortete er und seufzte: „Weist du, meine Frau Erna, der Herr habe sie selig, hat mir diese schwere Kiste voller Äpfel hinterlassen und ich kann sie einfach nicht tragen, so schwer ist sie.“ Er zog von unten her eine große Kiste voll mit roten dicken Äpfeln hervor und nahm sie mühselig auf.

„Ach lassen sie nur Herr Binder, ich werde die Kiste für sie tragen.“, schlug ich vor und nahm ihm die Kiste ab. Dankbar lächelte er, gab mir die schwere Last und meinte: „Das ist nett von dir, du bist wahrhaftig eine gute Seele. Aber sag, wirst du mir die Kiste denn bis zum Ende der Straße tragen? Das wäre wirklich lieb von dir.“

„Jawohl, mein Herr! Ich bin ja noch jung und wenn es sein muss, auch bis darüber hinaus!“ Herr Binder tätschelte mir noch freundlich und dankbar die Schulter, dann ging ich weiter und trug die Kiste vor mich hin. Als ich die nächste Kreuzung überquert hatte, traf ich auf Lisa, ein zierliches kleines Mädchen aus der Nachbarschaft.

„Grüß’ dich Lisa!“

„Hallo, was schleppst du denn da mit dir herum?“, wollte sie wissen und deutete auf die Kiste voller Äpfel.

„Das ist die Kiste von Herrn Binder, ich trage sie bis ans Ende seiner Straße.“

„Ach wie nett, darüber ist er sicher froh und erleichtert, denn er ist doch schon so alt und darf nicht mehr schwer heben.“

Zur Antwort nickte ich nur und bemerkte, dass Lisa einen Rucksack am Rücken trug, der wohl einiges an Gewicht hatte.

„Sag Lisa, “ begann ich und sie blickte mich erwartungsvoll an, „was ist das für ein Rucksack, den du auf deinen Schultern trägst?“

„Ach das.“, meinte sie und winkte ab. „Den hat mir Vati gegeben, er meinte ich müsse ihn nun immer tragen.“

„Aber er sieht schwer aus.“, gab ich zu bedenken, da sie doch so zierlich und zerbrechlich wirkte. „ich könnte ihn dir abnehmen.“

„Wirklich? Das würdest du für mich tun?“, Lisas Augen begannen hoffnungsvoll zu schimmern und somit stellte ich erstmal die Holzkiste ab. Ich bedeutete Lisa, mir den Rucksack zu geben, doch sie zögerte etwas. „Aber du darfst Vati niemals sagen, dass du den Rucksack trägst, sonst ist er sehr böse mit mir.“

Ich versicherte ihr unter energischem Zureden, dass sie ganz sicher sein konnte, dass das unter uns bleiben und ihr Vati es niemals erfahren würde. Ein wenig widerwillig reichte Lisa mir ihren Rucksack und ich schnallte ihn auf meine Schultern. Auch die Kiste hob ich wieder auf und ging weiter meines Weges, Lisa an meiner Seite.

„Trägst du ihn bis zum Ende der Straße?“, fragte sie und ich antwortete bestimmt: „Natürlich und wenn es sein muss, auch darüber hinaus.“ Daraufhin lächelte Lisa und winkte mir zu, als sie in eine andere Richtung bog.

Bald erreichte ich einen kleinen Bach, an dem ein Waschweib eben seine Wäsche gesäubert hatte.

„Hallo!“, grüßte ich fröhlich.

„Oh, grüß dich.“, stöhnte die Frau und knickte beinahe unter ihrem Wäschesack zusammen.

„Das ist aber ein schwerer Beutel, den sie da haben.“, sagte ich.

„Ja, ich kann ihn kaum tragen und ich muss schnell wieder zurück zu meinen Kindern.“

„Geben sie mir doch einfach den Sack, ich trage ihn für sie, bis ans Ende ihres Weges.“ Die Frau schien erleichtert, stellte den Beutel ab, nahm mein Gesicht in ihre beiden Hände und küsste mich dankbar auf die Stirn.

Und so trug ich nun auch ihren Beutel, bis ans Ende ihrer Straße und abends, als ich heim kam, fiel ich erschöpft ins Bett und schlief sofort ein. Ich träumte davon, fröhlich zu pfeifen und zu springen und ausgelassen, wie jeden Morgen die Straßen entlang zu laufen. An den darauffolgenden Tagen trug ich wieder all die Sachen und auch meine eigene Tasche und so ging Jahr um Jahr. Täglich kamen neue Dinge dazu, Schachteln mit kleinen Dingen, winzige Gegenstände, die in meine Hosentaschen passten und auch Kisten. Sie schienen immer schwerer zu werden, Tag für Tag.

Auch meine eigene Tasche wurde schwerer, obwohl ich immer dieselbe Menge an Utensilien hineinpackte. Müder wurde ich und auch der Rücken tat mir schrecklich weh. Doch ich trug all die Sachen, wie ich es versprochen hatte, bis ans Ende jeden seiner Straße, und auch der meinen.

 

 

 

 

© Gina (29. januar 2010)  

 

 

 

 

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